Qualitätsrahmen-Glossar
Dieses Glossar verweist auf die im Qualitätsrahmen verwendeten Begriffe und Definitionen und soll einen für alle gültigen Bezugsrahmen herstellen. Es wurde unter Einbezug der bestehenden Konzepte von Tandem Tanz und Calypso entwickelt.
Ästhetische Erfahrung
Eine ästhetische Erfahrung ist eine intensive sinnliche Wahrnehmung, die aufgrund der Neuheit einer Empfindung entsteht und ein besonderes Bewusstsein von Gegenwart, des Augenblicks hervorruft. Als Steigerungsform einer sinnlichen Wahrnehmung ist sie eine besondere Art der Erfahrung von Zeit, Raum und Körper und kann als eine Form der Erkenntnis (neben der theoretischen und praktischen) aufgefasst werden.
Siehe auch: Ästhetische Erfahrung
Aufgabenstellungen
Aufgabenstellungen (auch „Scores“ genannt) hängen vom jeweiligen Ziel der Stunde, eines Vorhabens oder Projekts ab und liegen auf einer Skala von offen, über strukturiert bis festgelegt. Ausgangspunkte (wie Thema, Musik, Materialien, Medien, Gruppe…) bilden dabei die Orientierung. Die Faktoren Körper, Raum, Zeit und (Schwer)Kraft dienen der Differenzierung, Strukturierung und Festlegung einer Aufgabe. Gestaltungsprinzipien wie wiederholen, anpassen, kontrastieren, rhythmisieren, reduzieren, verdoppeln oder verfremden sind Hilfen für die Dramaturgie einer Choreografie
Bildungsdimensionen
- Wahrnehmen, empfinden und erleben: verschiedene Sinnesmodalitäten (kinästhetisch, visuell, auditiv, taktil) kennenlernen, Wahrnehmungen in Bezug auf sich, andere und die Umgebung erweitern und differenzieren können.
- Explorieren, improvisieren und gestalten: Erkundungen von Zeit, Raum und Kraft mittels Körper und Bewegung. Spiel- und Freiräume eigener Körperlichkeit entdecken, mit verschiedenen Anlässen (z.B. Musik, Bewegungsidee, Materialien…) ergebnisoffen improvisieren lernen. Erfahrungen und Fähigkeiten kombinieren und in eigenen choreografischen Vorhaben umsetzen und gestalten lernen.
- Üben und vertiefen: unbekanntes Bewegungsmaterial durch Imitieren, Wiederholen, Variieren, Rhythmisieren oder Kontrastieren sich zu eigen machen.
- präsentieren und inszenieren: Bausteine / Werkzeuge zur Entwicklung, Differenzierung und Klärung eigener choreografischer Vorhaben kennenlernen und produktorientiert in Szene setzen können.
- kommunizieren und interagieren: Über Erfahrungen, Fähigkeiten und Erkenntnissen sich austauschen und ausdrücken (sprachlich oder visuell) und die eigene Position produktiv einbringen bringen
- o rezipieren, reflektieren und verstehen: Durch Beobachtungen und Rückmeldungen Bewegungen und Tanzformen sowie Choreografien (eigene wie fremde) lesen und verstehen lernen.
Siehe auch: Bildungsdimensionen Tanz, Seite 26-34
Choreografie
“Bei Choreografie geht es darum, eine Wahl zu treffen, inklusive der Wahl, keine Wahl zu treffen”, so der Choreograf Jonathan Burrows. Der Begriff Choreografie leitet sich aus dem Griechischen von graphein für schreiben und choros für Tanzplatz her. Als Bewegungen-in-den-Raum-Schreiben ließe er sich übersetzen und bedeutet die Organisation von Bewegung in Zeit und Raum. Nicht nur die finale Aufführung, sondern auch der Prozess sind dabei wichtig: Hier fließt alles ein, was die Vermittlungsarbeit ausmacht, also auch Übungen, Spiele und Improvisationsaufgaben.
Didaktik
Didaktik bezeichnet die Planung, Organisation und Strukturierung von Lernprozessen. Sie befasst sich mit den Fragen des Was und Warum des Tanzunterrichts und schafft einen konzeptionellen Rahmen für die Ziele, Inhalte und Methoden des Vorhabens / Unterrichts oder Vermittlungsangebots. Didaktik (Was und Warum) und Methodik (Wie) sind komplementäre Elemente der Vermittlung, wobei sich das „Wie“ idealerweise aus dem „Was“ und „Warum” ergibt.
Embodiment
Das Konzept Embodiment oder Verkörperung beschreibt, wie Denken, Fühlen und Handeln untrennbar mit dem Körper verbunden sind und sich wechselseitig bedingen und hervorrufen. Körperliche Haltungen und Verfasstheiten beeinflussen psychische sowie mentale Prozesse und Zustände wie umgekehrt.
Siehe auch: Embodiment
Equity
Equity bedeutet Gerechtigkeit. Für die Tanzvermittlung heißt das, dass alle Menschen reale und faire Möglichkeiten haben, Tanz zu erleben, zu gestalten und davon zu profitieren – unabhängig von Herkunft, Körper, Geschlecht, sexueller Orientierung, sozialem Status oder Vorerfahrung. Durch Equity werden Barrieren abgebaut, Teilhabe praktiziert, Repräsentation mitgedacht, und schließlich die eigene Praxis machtkritisch reflektiert. Weiterhin ermöglicht Equity, dass Unterschiede nicht zu Nachteilen werden, sondern von den Tanzvermittler*innen aktiv berücksichtigt und wertgeschätzt werden. Ziel ist eine Praxis, in der alle Menschen Zugang, Stimme und Entwicklungsmöglichkeiten haben.
Improvisation
Improvisation ist Inhalt und Methode zugleich. Tanzimprovisation besteht aus flüchtigen, nicht wiederholbaren Bewegungen, die spontan als unmittelbare Reaktion auf etwas, eine konkrete Aufgabenstellung, eine Idee, eine Musik o.ä. entstehen. Sie ist gekennzeichnet durch die kreative und forschende Suche nach Bewegungsformen und eine damit zusammenhängende Auseinandersetzung mit eigenen Bewegungsmustern sowie situativen, neuen Impulsen. Als Methode im künstlerischen und pädagogischen Kontext dient Improvisation – ob strukturiert, gebunden oder frei – der Erweiterung des Bewegungsvokabulars, fördert Kreativität und Ergebnisoffenheit, unmittelbare Entscheidungsfähigkeit und unterstützt die Erkundung bislang unbekannter, verdeckter körperlicher Ausdrucksmöglichkeiten.
Kinder- und Jugendschutz
Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf Schutz vor körperlicher, sexueller und seelischer Gewalt. Im Kinder- und Jugendschutz geht es sowohl um Prävention als auch um Intervention. Als Institution und Person, die mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, hat man die Pflicht, aber auch die Möglichkeit, junge Menschen zu schützen und sie durch partizipative Methoden zu stärken.
Siehe auch: Kindeswohl/Aktion Tanz
Körperbild
Der Begriff “Körperbild” bezieht sich auf die Vorstellungen und Annahmen, die Menschen von Körpern, dem eigenen wie dem anderer haben. Körperbilder sind immer historisch, sozial und kulturell geprägt und werden je nach Kontext und Diskurs unterschiedlich erlebt. Körperbilder bezeichnen Ideale von und normative Erwartungen an Körper. Gleichzeitig verändern sich Bilder und Ideale über die körperlichen Praktiken selbst – im Alltag, in Schule und Beruf, der Freizeit, im Sport, der Mode, den sozialen Medien, in den Künsten und damit auch im Tanz.
Für die zeitgemäße Tanzvermittlung heißt das, die Vielfalt und Veränderbarkeit von Körperbildern und -normen bewusst zu machen und den Körper sowohl als Träger und Symbol gesellschaftlicher Normen als auch als Erfahrungs-/Empfindungs-Quelle und Akteur neuer, bislang ungedachter Möglichkeiten zu entdecken, zu verstehen und zu gestalten.
Nähere Erläuterungen zum wissenschaftlichen Diskurs unter: Wieviel Körper braucht die Kulturelle Bildung? insb. S. 9-12
Lernen
Lernen umfasst einen verkörperten, situativen Prozess, bei dem Wahrnehmen (s. Glossar), Denken und Handeln untrennbar mit Körper, Geist und Umwelt verbunden sind (s. Embodiment). Lernen entsteht durch aktive Beteiligung und Mitgestaltung (s. Partizipation) in einem interaktiven Austausch von Perspektiven und Erfahrungen und findet in einem hybrid-digital-analogen Lebensumfeld (s. Postdigitalität) statt.
Medien
Medien sind nicht nur technische Geräte oder Werkzeuge unseres beruflichen wie privaten Alltags, sondern immer auch integrale, dynamische Elemente sozialer Praxis und kultureller Kommunikation. Sie prägen und gestalten als weitere Akteur*innen unseres Zusammenlebens soziale Beziehungen, Machtverhältnisse und Identitätsprozesse. Medienkultur umfasst dabei die Art und Weise, wie Medien in Alltag, Politik und Kultur verankert sind, wie sie Teil von Aushandlungsprozessen gesellschaftlicher Bedeutungen sind und wie sie Teilhabe und Ausschluss steuern können.
Methodik
Methodik fokussiert das Wie der Vermittlung und beschreibt die konkreten Verfahren, Techniken und Vorgehensweisen, durch die didaktisch geplante Inhalte praktisch umgesetzt werden. Sie umfasst etwa Übungen, Aufgaben oder improvisatorische Prozesse, die Bewegungsfähigkeit, Ausdruck und Kreativität fördern. Didaktik (Was und Warum) und Methodik (Wie) sind komplementäre Elemente der Vermittlung, wobei sich das „Wie“ idealerweise aus dem „Was“ und „Warum” ergibt.
Partizipation
Partizipation im Kontext von Bildung bedeutet die aktive Einbeziehung von Teilnehmenden bzw. Lernenden in Entscheidungs- und Gestaltungsprozesse. Dabei geht es von der Mitwirkung, über die Mitbestimmung und Mitgestaltung bis hin zur kommunikativen Aushandlung der Regeln gemeinsamer Vorhaben und des Umgangs miteinander.
Partizipative Verfahren fördern die demokratische Kompetenz und Selbstwirksamkeit der Beteiligten und sind ein Weg, dass Menschen lernen, Einfluss auf ihre gegenwärtige und zukünftige Lebensgestaltung zu nehmen und damit Verantwortung übernehmen.
Partizipation wird als Schlüssel zur Bildung und sozialer Teilhabe verstanden, die politische, soziale und kulturelle Dimensionen vereint und auf die Förderung von Demokratiekompetenz abzielt.
Siehe auch: Partizipation und Jugendkulturarbeit und Schule
Postdigitalität
Post-Digitalität beschreibt den Zustand, in dem digitale Technologien so selbstverständlich in Alltag und Kultur integriert sind, dass sie unsichtbar werden und analoges und digitales Handeln miteinander verschmelzen. Gleichzeitig bedeutet Postdigitalität eine kritische und bewusste Auseinandersetzung mit dieser neuen hybriden Wirklichkeit.
Siehe auch: Tanzvermittlung in der post-digitalen Welt
Tanzvermittlung
Tanzvermittlung hat sich als relativ neuer Diskurs- und Praxisbegriff im Zuge einer kritischen Kunst- und Kulturvermittlung entwickelt. Er hebt den bewusst offenen, prozessorientierten Ansatz hervor, der künstlerische Praxis und Bildung miteinander verknüpft. Um die Vieldeutigkeit des Gegenstands Tanz, die unterschiedlichen Voraussetzungen der Teilnehmenden sowie Bedingungen der sozialen und gesellschaftlichen Kontexte berücksichtigen zu können, orientiert sich eine “zeitgemäße Tanzvermittlung” am Prinzip der ästhetischen Erfahrung auf der Grundlage partizipativer, inklusiver und diversitätssensibler Arbeitsweisen. Im Mittelpunkt steht der Körper sowohl als Medium von Wahrnehmung, Ausdruck und Beziehung als auch als Basis von Erfahrungen und Anlass für Reflexionen.
Siehe auch: Was heißt hier Vermittlung? und Qualität zeitgemäßer Tanzvermittlung, insb. S. 127-130
Vielfalt (Super)Diversität
Vielfalt (oder auch Diversität) bedeutet die Verschiedenartigkeit und Mannigfaltigkeit von Gruppen sowie in Gesellschaft und umfasst gemäß der Charta folgende Kerndimensionen: Alter/Generationen, Geschlecht/Gender, sexuelle Orientierungen, Religion/Weltanschauung, körperliche und geistige Fähigkeiten, soziale Herkunft, ethnische Herkunft und Nationalität. Diese Dimensionen wirken nicht getrennt voneinander, sondern wechselseitig und gleichzeitig, wodurch Menschen mit mehreren Vielfaltsdimensionen besonders benachteiligt werden.
Superdiversität ist ein Konzept, das die komplexe und vielschichtige Vielfalt moderner Gesellschaften beschreibt, in der zahlreiche Merkmale wie Herkunft, Sprache, Religion, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Klasse, Status und Körper sich überschneiden und gegenseitig beeinflussen. Es betont die inneren Unterschiede innerhalb von Gruppen und fordert eine ganzheitliche Betrachtung gesellschaftlicher Vielfalt.
Siehe auch: Diversität und Tanz und Diversität im Kulturbetrieb: Diversity Arts Culture Berlin
Wahrnehmen
Wahrnehmen ist bestimmt durch den jeweiligen Lebens- und Bewegungsraum des Menschen und aufgrund bereits gemachter und vorhandener Erfahrungen immer schon vorstrukturiert, d.h. durch die individuelle Lebensgeschichte und biografischen Ereignisse geprägt. Wahrnehmen ist selektiv und damit auch vorstrukturierend, ein bedeutungsvolles Wahr-Nehmen, d. h. wir nehmen stets etwas als etwas wahr. Wahrnehmen schließt also immer auch Reflexionsprozesse mit ein, in denen Situationen und Bedingungen auf einer vorsprachlichen Ebene erfasst und sinnlich-ästhetisch erkannt werden können.
Gefördert durch:
„Qualität in der Tanzvermittlung – Was Tanz bewegen kann“ wurde von 2023-2026 gefördert durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen

